{"id":143094,"date":"2026-05-08T12:30:00","date_gmt":"2026-05-08T05:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.wochenblitz.com\/?p=143094"},"modified":"2026-05-08T12:30:00","modified_gmt":"2026-05-08T05:30:00","slug":"arsen-quecksilber-kein-plan-der-sterbende-kok-fluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/test.wochenblitz.com\/?p=143094","title":{"rendered":"Arsen, Quecksilber, kein Plan: Der sterbende Kok-Fluss"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Kok-Fluss im Norden Thailands ist vergiftet. Nicht leicht, nicht vor\u00fcbergehend \u2014 sondern mit Arsen, Cadmium, Chrom und Quecksilber, die aus unregulierten Minen jenseits der myanmarischen Grenze ins Wasser gesp\u00fclt werden. Was Fischer wie Kob Kotkam seit Monaten wussten, weil ihre Netze leer blieben und ihre Haut brannte, haben Wissenschaftler der Universit\u00e4t Chiang Rai inzwischen an sieben Messpunkten best\u00e4tigt: Der Fluss ist krank \u2014 und niemand wei\u00df, wie lange noch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Vergiftung des Kok ist kein lokales Problem mehr. Der Fluss m\u00fcndet in den Mekong, der durch sechs L\u00e4nder flie\u00dft. \u00dcber 60 Millionen Menschen im unteren Mekong-Becken sind von seinen Fischen und seinem Wasser abh\u00e4ngig. Was im Shan-Staat Myanmars abgebaut und ins Wasser geleitet wird, landet irgendwann auch auf Tellern weit entfernt \u2014 in Laos, Kambodscha, Vietnam.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tha Ton: Wo der Gift-Fluss Thailand betritt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tha Ton ist der erste Ort, an dem der Kok nach Thailand flie\u00dft. Die kleine Stadt im Distrikt Mae Ai, Provinz Chiang Mai, lebte vom Tourismus: Besucher kamen wegen der Berge, der Ruhe, der Flusslandschaft. Heute gleicht das Dorf einer Geisterstadt. Die Restaurants am Ufer sind leer, die Hotels kaum belegt, die Stra\u00dfen still. Reiseb\u00fcros stornieren Buchungen, seit die Beh\u00f6rde f\u00fcr Umweltverschmutzungskontrolle (PCD) im M\u00e4rz 2025 erstmals \u00fcberh\u00f6hte Arsenkonzentrationen im Fluss gemessen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Saranya Sukcharaen, Inhaberin eines 22-Zimmer-Hotels direkt am Fluss, verlor mehr als die H\u00e4lfte ihrer Reservierungen. Ihre ausl\u00e4ndischen G\u00e4ste fragten nicht nur nach dem Flusswasser, sondern auch nach dem Leitungswasser im Hotel. Antworten konnte sie nicht geben. Die Beh\u00f6rden empfehlen seitdem, in besonders betroffenen Gebieten nur noch abgef\u00fclltes Wasser zu trinken \u2014 eine Belastung, die \u00e4rmere Familien auf dem Land besonders hart trifft.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Minen auf der anderen Seite der Grenze<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Shan-Staat, direkt hinter der thai-myanmarischen Grenze, kontrolliert die United Wa State Army (UWSA) ein Gebiet, in dem seit 2021 die Zahl der Bergbaulizenzen explodiert ist. Sieben chinesische Unternehmen betreiben dort nach Recherchen von Khaosod English seit 2023 Goldminen nahe dem Kok.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Stimson Center hat per Satellitenaufnahmen mindestens drei aktive Seltene-Erden-Minen direkt am Oberlauf identifiziert. Die giftigen Abbaur\u00fcckst\u00e4nde \u2014 Zyanid, Quecksilber, Ammoniumsulfat \u2014 werden ohne Behandlung in die Nebenfl\u00fcsse geleitet und flie\u00dfen von dort in den Kok.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was hier gef\u00f6rdert wird, landet nicht in Myanmar. Die schweren Seltenen Erden \u2014 Dysprosium, Terbium \u2014 gehen in Rohform nach China, wo sie zu Magneten f\u00fcr Windkraftanlagen, Elektrofahrzeuge und Milit\u00e4rtechnik verarbeitet werden. China besitzt in diesem Bereich nahezu ein Monopol. Das chinesische Au\u00dfenministerium erkl\u00e4rte auf Anfrage, man sei \u00fcber die konkrete Situation nicht informiert; chinesische Unternehmen im Ausland seien verpflichtet, lokale Umweltgesetze einzuhalten. Im Shan-Staat gibt es de facto keine.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was die Messungen zeigen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Toxikologe Wan Wiriya von der Universit\u00e4t Chiang Mai hat Wasserproben an sieben Stellen entlang des Kok entnommen. Ergebnis: Alle verseucht \u2014 mit Arsen als Hauptbefund, daneben Cadmium, Chrom und Quecksilber. Die Belastung steigt Richtung myanmarischer Grenze messbar an. Die PCD f\u00fchrte bis August 2025 neun Messrunden durch; die ersten acht \u00fcberschritten bei jedem Checkpoint den Grenzwert von 0,01 Milligramm pro Liter. Erst in der neunten Runde lagen die Werte wieder darunter \u2014 ein tempor\u00e4rer R\u00fcckgang, den Forscher noch nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Chiang Rai wurden erh\u00f6hte Arsenkonzentrationen bereits im Trinkwasser gemessen. Prof. Suebsakun Kidnukorn von der Mae Fah Luang Universit\u00e4t warnt: Eine Sanierung des Flusses kann erst beginnen, wenn die Verschmutzung an der Quelle stoppt. Solange die Minen laufen, werde die Belastung zunehmen. Seine Prognose f\u00fcr besonders gef\u00e4hrdete Gruppen, darunter schwangere Frauen, ist d\u00fcster. Die Situation werde sich in den n\u00e4chsten drei Jahren verschlimmern, wenn nicht schnell gehandelt wird.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fischer ohne Beruf, Bauern ohne Boden<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kob Kotkam ist Fischer in Tha Ton. Seit Monaten geht er nicht mehr ans Wasser. Nicht weil er nicht darf, sondern weil er es nicht mehr kann \u2014 Hautreizungen, Pusteln, der Verdacht, dass das Wasser dahintersteckt. Die Fischbest\u00e4nde sind eingebrochen. Was fr\u00fcher seinen Lebensunterhalt sicherte, ist heute eine Gesundheitsgefahr. Landwirt Santi Saewoo musste die oberste Erdschicht seiner Felder komplett abtragen, bevor \u00fcberhaupt wieder etwas w\u00e4chst. Sein Einkommen ist auf unter die H\u00e4lfte gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Solche Einzelschicksale multiplizieren sich entlang des gesamten Flusslaufs. Das unabh\u00e4ngige Recherchemedium Lanner hat den wirtschaftlichen Schaden f\u00fcr 20 Gemeinden in Chiang Rai erfasst: 511 Millionen Baht allein in Landwirtschaft und direkte Einnahmen. Rechnet man Fischerei und Tourismus dazu, kommt die Studie auf 1,3 Milliarden Baht \u2014 pro Jahr. Das ist der Preis daf\u00fcr, dass ein Bergbauunternehmen jenseits der Grenze keine Kl\u00e4ranlagen betreibt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Mekong als n\u00e4chste Stufe<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Kok ist nur ein Zufluss. Westlich davon verseuchte der Sai-Fluss, ebenfalls aus Myanmar kommend, im April 2025 die Grenzregion bei Mae Sai. Im November 2025 meldete die PCD erh\u00f6hte Arsenkonzentrationen auch entlang der thai-laotischen Grenze, von Loei bis Nakhon Phanom. Die Mekong-Flusskommission (MRC) reagierte, indem sie 2025 erstmals eigene Arsen-Tests entlang des Mekong durchf\u00fchrte \u2014 ein Schritt, der jahrelang ausblieb, weil regul\u00e4re MRC-Tests schwere Metalle gar nicht erfassen. Nahe Chiang Rai lagen die Werte zu hoch; beim laotischen Luang Prabang noch unter der Gefahrenschwelle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Brian Eyler vom Stimson Center bringt es auf den Punkt: Fast jeder in S\u00fcdostasien konsumiere Produkte, die entlang der gro\u00dfen Fl\u00fcsse angebaut werden \u2014 Reis, Fisch, Gem\u00fcse. Giftige Schwermetalle aus Myanmar landen letztlich in Lieferketten, die bis nach Europa reichen. Produkte aus dem Mekongdelta finden sich, wie Eyler CNN gegen\u00fcber erkl\u00e4rte, in US-amerikanischen Superm\u00e4rkten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Thaiands Regierung: Arbeitsgruppen statt L\u00f6sungen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die thail\u00e4ndische Regierung hat drei Arbeitsgruppen eingesetzt \u2014 f\u00fcr Gesundheitsfolgen, internationale Koordination und alternative Wasserversorgung. Das Au\u00dfenministerium f\u00fchrt Gespr\u00e4che mit Myanmar und chinesischen Stellen. Ex-Premier Thaksin Shinawatra bot an, seine pers\u00f6nlichen Kontakte zu nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Wasserressourcenamt (ONWR) wartet auf eine Antwort aus Naypyidaw. Verwaltungsleiter Tasanapol Kambutr aus Tha Ton fasst die Lage n\u00fcchtern zusammen: Man habe alle Informationen weitergegeben, aber noch kein Wort geh\u00f6rt, wie das Problem mit Myanmar und den Minen gel\u00f6st werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Plan des Wasserressourcenamts sieht Sedimentbarrieren im Kok-Fluss vor \u2014 Kosten: 8,6 Milliarden Baht. Betroffene Gemeinden lehnen das ab. Sie zweifeln an der Wirksamkeit, fragen nach den Umweltauswirkungen der Barrieren selbst und weisen darauf hin, dass eine Barriere das Problem verlagert, nicht l\u00f6st. Solange die Minen laufen, liefern sie weiter Gift. Umweltaktivistin Saengrawee Suweerakan aus Tha Ton formuliert es klar: Die Regierung hat keinen echten Aktionsplan. Forderungen nach Tests von Ernteprodukten und Flusswasser wurden ignoriert \u2014 obwohl die Gemeinden die Betroffenen sind.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was jetzt zu tun ist<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Kok-Fluss ist ein Lehrst\u00fcck \u00fcber die Grenzen nationaler Umweltpolitik. Thailand kann seine eigenen Fl\u00fcsse nicht allein sichern, solange der Verschmutzer auf fremdem Territorium operiert \u2014 und zwar auf einem, das de facto von einer Miliz regiert wird, die keinem internationalen Abkommen unterworfen ist. Der Druck muss auf China als Hauptprofiteur der Mineralien ausge\u00fcbt werden; Thai-Forscher und Aktivisten haben Briefe an Xi Jinping geschrieben. Diplomatisch hat das bisher nichts bewegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Expats und Langzeitbewohner im Norden Thailands ist die Lage konkret: Wer in der Region Chiang Rai oder Mae Ai wohnt, sollte Leitungswasser derzeit nur nach R\u00fcckfrage bei der lokalen Beh\u00f6rde trinken. Fisch aus dem Kok und seinen Zufl\u00fcssen sollte vorerst gemieden werden. Die PCD testet weiter \u2014 monatliche Ergebnisse werden auf der Website der Beh\u00f6rde ver\u00f6ffentlicht. Wer Grundst\u00fccke oder Felder nahe dem Kok bewirtschaftet, sollte Bew\u00e4sserungswasser ebenfalls testen lassen; entsprechende Hinweise gibt das Provinzgesundheitsamt Chiang Rai.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Redaktionelle Hinweise<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-vivid-red-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph\">Dieser Beitrag enth\u00e4lt keine medizinischen Empfehlungen. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich an einen Arzt. Aktuelle Messergebnisse zur Wasserqualit\u00e4t ver\u00f6ffentlicht die thail\u00e4ndische Pollution Control Department (PCD) unter pcd.go.th.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Fluss, der krank wird \u2013 und niemand stoppt es. Arsen, kranke Fischer, stornierte Hotels: Nordthailand k\u00e4mpft gegen ein Gift, das aus Myanmar kommt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":143095,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ai_generated_summary":"","wpai_meta_description":"","footnotes":""},"categories":[28,44],"tags":[34,35],"class_list":["post-143094","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-empfehlung-der-redaktion","category-gesundheit","tag-newsletter-1","tag-newsletter-2"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/test.wochenblitz.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143094","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/test.wochenblitz.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/test.wochenblitz.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/test.wochenblitz.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/test.wochenblitz.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=143094"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/test.wochenblitz.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143094\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/test.wochenblitz.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/143095"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/test.wochenblitz.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=143094"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/test.wochenblitz.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=143094"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/test.wochenblitz.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=143094"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}