{"id":142316,"date":"2026-05-01T12:30:00","date_gmt":"2026-05-01T05:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.wochenblitz.com\/?p=142316"},"modified":"2026-05-01T12:30:00","modified_gmt":"2026-05-01T05:30:00","slug":"stammtisch-schlager-schalke-deutsche-in-pattaya","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/test.wochenblitz.com\/?p=142316","title":{"rendered":"Stammtisch, Schlager, Schalke: Deutsche in Pattaya"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Eine liebevolle satirische<\/em> <em>Bestandsaufnahme<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deutschland hat Pattaya entdeckt. Oder besser: Deutschland hat Pattaya nie wieder losgelassen. Rund 7.000 deutsche Rentner sollen hier leben, je nachdem wen man fragt und wie n\u00fcchtern er noch ist. Sie sitzen an der Soi Buakhao, am Naklua, am Borussia Park \u2013 und wer sie beim Schlagerfr\u00fchschoppen am Sonntagvormittag beobachtet, fragt sich unweigerlich: Haben die Deutschland verlassen oder hat Deutschland sie eingeholt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Antwort ist komplizierter als ein 60-Baht-Bier in der Happy Hour. Denn der deutsche Expat in Pattaya ist ein Ph\u00e4nomen, das sich jeder Vereinfachung widersetzt. Er ist gleichzeitig Weltb\u00fcrger und Heimatverbundener, Aussteiger und Stammtischpolitiker, Tropenvogel und Wetterkl\u00e4ger. Dieser Artikel portr\u00e4tiert ihn, liebevoll und ohne Erbarmen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Sieben Tage die Woche Stammtisch: Das Vollzeitprogramm<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man muss es sich erst einmal vorstellen: Stammtisch. Montags. Dienstags. Mittwochs. Donnerstags. Freitags. Samstags. Sonntags. Sieben Tage die Woche, an verschiedenen Bars, verschiedenen Tischen, aber mit denselben Leuten und denselben Themen. Der Pattaya-Stammtisch ist kein gesellschaftliches Ereignis \u2013 er ist ein Lebensstil, eine Berufung. Wer das durchh\u00e4lt, hat seine Woche besser strukturiert als die meisten Bundesbeh\u00f6rden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Unterschied zum deutschen Stammtisch zuhause: Man schwitzt mehr. Sonst wenig. Die Themen sind dieselben, nur der Kontext hat sich verschoben. Statt \u00fcber die Bundesstra\u00dfe nebenan zu schimpfen, schimpft man \u00fcber die Beach Road. Statt \u00fcber den B\u00fcrgermeister von Gelsenkirchen redet man \u00fcber den B\u00fcrgermeister von Pattaya \u2013 den man nicht kennt, der aber sicher auch irgendwas falsch macht. Das Schimpfen selbst ist unver\u00e4nderlich. Es ist, wenn man so will, das Einzige, was wirklich nach Hause mitgekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Schlagerfr\u00fchschoppen als spirituelle Erfahrung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sonntagvormittag, kurz nach elf, In einem Lokal In der N\u00e4he der Naklua Road. Helene Fischer aus den Lautsprechern, Bier auf dem Tisch, Kurzarmhemd. Die M\u00e4nner \u2013 fast ausschlie\u00dflich M\u00e4nner \u2013 singen mit. Nicht alle, nicht laut, aber mit der stillen Inbrunst von jemandem, der seit Jahren keine Wahl mehr hat und das irgendwann akzeptiert. Der Schlagerfr\u00fchschoppen ist, das muss man neidlos anerkennen, eine der ehrlichsten Veranstaltungen Pattayas. Kein Hipster in Sichtweite. Einfach M\u00e4nner \u00fcber sechzig mit Bier und Schlager, und der Sonntag sieht genauso aus wie der letzte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt Schlimmeres. Ernsthaft. Wer einmal die Montagssitzungen des Deutschen Bundestags gesehen hat, wei\u00df: Gemeinschaft entsteht durch Wiederholung. Die Pattaya-Expats haben das verstanden, auch wenn sie es so nicht formulieren w\u00fcrden. Sie w\u00fcrden sagen: \u201eMan trifft sich halt.&#8220; Das stimmt auch.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Deutschland ist 9.000 Kilometer weg und trotzdem immer dabei<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Erstaunliche an den Deutschen in Pattaya ist nicht, dass sie Deutschland verlassen haben. Das Erstaunliche ist, dass Deutschland trotzdem mitgekommen ist \u2013 als Dauergast, der nie gefragt hat, ob er bleiben darf. Der BILD-Reporter, der im Februar 2025 am Stammtisch auftauchte, bekam reichlich Antwort: AfD, CDU, und einmal Schalke-Blau aus Solidarit\u00e4t \u2013 immerhin konsequent, denn Schalke verliert auch regelm\u00e4\u00dfig. Das Ergebnis war eine Reportage so \u00fcberraschend wie ein Regenguss im April: M\u00e4nner \u00fcber sechzig in der Fremde w\u00e4hlen rechts von der Mitte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was die Reportage nicht zeigte: derselbe Stammtisch debattiert auch mit beachtlicher Sachkenntnis \u00fcber Rentenreformen, Einwanderungszahlen und die Energiepolitik der letzten drei Jahrzehnte. Das ist keine Entschuldigung. Es ist nur ein Befund. Der deutsche Rentner in Pattaya hat Zeit. Sehr viel Zeit. Und er f\u00fcllt sie mit dem, womit er es immer gef\u00fcllt hat: Meinungen. Nur dass er jetzt bei 30 Grad Celsius dabei sitzt, was die Meinungen nicht gem\u00e4\u00dfigter, aber immerhin angenehmer macht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Bierbars der Soi Buakhao: ein soziologisches Feldexperiment<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die offenen Bierbars an der Soi Buakhao, Soi 7 und Soi 8 sind kein Nachtleben. Das muss man verstehen, bevor man \u00fcber sie urteilt. Sie \u00f6ffnen nachmittags, die Kernt\u00e4tigkeit findet zwischen zwei und sechs Uhr statt, und das Publikum tr\u00e4gt Plastiksandalen. Was dort gekauft wird, ist \u2013 neben dem Bier f\u00fcr 70 bis 80 Baht in der Happy Hour \u2013 vor allem Gesellschaft. Eine Frau hinter dem Tresen, die sich den Namen merkt. Derselbe Stuhl jeden Tag. Kein Leistungsdruck, keine Erwartungen, keine Ex-Frau, die was gesagt hat. Das klingt nach wenig. F\u00fcr manche ist es genug. F\u00fcr andere ist es alles.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Barfrauen kommen meist aus dem Isaan, sind jung, erinnern sich tats\u00e4chlich an Namen und Lieblingsgetr\u00e4nke und haben ein professionelles Verh\u00e4ltnis zu einer Situation, die die meisten ihrer europ\u00e4ischen Altersgenossen \u00fcberfordern w\u00fcrde. Das Verh\u00e4ltnis zwischen Gast und Barfrau ist so komplex wie bilateral: Weder reine Wirtschaft noch echte Zuneigung, vermutlich beides gleichzeitig, abh\u00e4ngig vom Tag und der Tageszeit. \u00dcber diese Ambivalenz schreiben Anthropologen Doktorarbeiten. Die M\u00e4nner an der Bar w\u00fcrden sagen: \u201eSie ist halt nett.&#8220; Das stimmt auch.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Begegnungszentrum: wo Deutschland offiziell wird<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer glaubt, die Deutschen in Pattaya beschr\u00e4nkten sich auf Bier und Stammtisch, untersch\u00e4tzt den deutschen Organisationsdrang. Es gibt das Begegnungszentrum Pattaya in Naklua, das seit fast neun Jahren existiert und ein Angebot bereith\u00e4lt, das selbst manches deutsche B\u00fcrgerhaus besch\u00e4men w\u00fcrde: Englischkurse, Deutschkurse, Thaikurse, Seniorengymnastik, Kreist\u00e4nze, Yoga, buddhistische Meditation, eine kostenlose deutschsprachige Bibliothek und \u2013 man glaubt es kaum \u2013 einen politischen Gespr\u00e4chskreis. Alles ehrenamtlich. Alles auf Deutsch. Alles bei 33 Grad.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der politische Gespr\u00e4chskreis im Begegnungszentrum ist dabei vielleicht die meistuntersch\u00e4tzte Institution Pattayas. Man stelle sich vor: Eine Gruppe \u00e4lterer M\u00e4nner, die Deutschland verlassen haben, um dort \u00fcber Deutschland zu diskutieren. Mit Struktur. Mit Tagesordnung. Vermutlich mit Protokoll. Das ist entweder das Traurigste oder das Deutscheste der Welt \u2013 wahrscheinlich beides. Wer teilnimmt, berichtet von lebhaften Debatten. Wer nicht teilnimmt, schimpft am Stammtisch \u00fcber die da oben. Die Qualit\u00e4t der Argumente soll sich nicht wesentlich unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Wetter, die Wut und der Wohlf\u00fchlfaktor<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum kommen sie? Das ist die Frage, die Au\u00dfenstehende umtreibt, und die Antwort ist banal: weil es hier besser ist. Nicht perfekt. Besser. Die Rente reicht weiter. Es ist warm. Niemand kennt den alten Job, die alte Scheidung, den alten Ruf. Die BILD hat es als \u201esorgenfreies Leben fernab der deutschen Probleme&#8220; beschrieben \u2013 als w\u00e4re das ein Vorwurf. Es ist keiner. Wer nach sechzig Jahren Steuern zahlen, Kinder gro\u00dfziehen und K\u00e4lte ertragen beschlie\u00dft, seinen Lebensabend in 30-Grad-W\u00e4rme zu verbringen, hat sich das schlicht verdient.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bleibt, ist die Wut auf Deutschland. Die sitzt tief, sie kommt schnell raus, und sie erstaunt immer wieder, wie intensiv sie ist bei M\u00e4nnern, die das Land ja eigentlich verlassen haben. Aber das ist vielleicht das Paradox des deutschen Expats: Man geht, weil man nicht mehr kann. Und dann vermisst man es so sehr, dass man sich t\u00e4glich dar\u00fcber aufregt. Deutschland als Dauerthema, als Trauma, als Obsession. Pattaya ist die Distanz. Die N\u00e4he bleibt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was Pattaya mit diesen M\u00e4nnern macht<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pattaya ver\u00e4ndert Menschen. Nicht dramatisch, nicht sofort, aber stetig. Wer zwei Jahre hier lebt, hat eine andere Toleranzschwelle f\u00fcr Chaos, Hitze und Unerwartetes. Hat gelernt, dass Beh\u00f6rdeng\u00e4nge Zeit brauchen und dass Ungeduld dabei nicht hilft. Hat vielleicht ein paar Brocken Thai aufgeschnappt \u2013 genug f\u00fcr die Bestellung, manchmal mehr. Hat festgestellt, dass die Barfrau tats\u00e4chlich seinen Namen kennt und dass ihn das mehr ber\u00fchrt, als er zugeben w\u00fcrde. Pattaya ist keine Erleuchtung. Aber es ist auch kein Stillstand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die M\u00e4nner in den Kurzarmhemden an der Soi Buakhao sind keine Karikaturen. Sie sind das Ergebnis von Entscheidungen, Umst\u00e4nden und \u2013 man darf das sagen \u2013 Mut. Deutschland zu verlassen ist keine Kleinigkeit, auch wenn der Anlass manchmal eine gescheiterte Ehe oder eine zu kleine Rente war. Pattaya hat ihnen etwas gegeben, das Deutschland nicht mehr bot. Ob das Stammtisch, Schlagerfr\u00fchschoppen oder der immer gleiche Platz an der Bar ist: Zugeh\u00f6rigkeit sieht hier nach Plastikst\u00fchlen und Ventilatoren aus. Schlimmer k\u00f6nnte es sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>7.000 deutsche Rentner in Pattaya \u2013 und Deutschland ist trotzdem immer dabei. 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